Kleine Kinder können uns die besten Lehrer sein. Und auch die größten Yogis – zumindest wenn es sich nicht gerade um einen Wutanfall mitten im Laden aufgrund eines verweigerten Schokoriegels handelt. Was sie so wunderbar können: Ganz in diesem Moment zu sein. Im Spiel aufzugehen. Authentisch und aufrichtig zu sein. Und sie merken ganz schnell, wenn du es nicht bist. Das ist Satya in Reinform.

Wer sich mit Yoga auch außerhalb der Haltungen auf der Yogamatte beschäftigt, stolpert sehr bald über Patanjali – einen großen indischer Gelehrten, der in einer der wichtigsten Schriften des Yoga einige ethische Prinzipien (Yamas und Niyamas) beschrieben hat, die den Menschen auf seinem Weg zu einem zufriedenen Leben begleiten sollten. Eines davon nennt sich Satya.

Satya bedeutet so viel wie „Das, was ist“ oder auch „Wahrhaftigkeit“ und ist genauso wunderbar vielschichtig, wie die meisten anderen Schätze der Yogaphilosophie, die auch – oder gerade – heutzutage unser Leben wahrlich bereichern können…

Satya lädt uns dazu ein, wieder mehr in diesem Moment zu sein.

Achtsam und präsent zu sein, statt uns den vielen Gedanken hinzugeben, die sich über Situationen ärgern, die eigentlich schon vergangen sind oder Sorgen über die Zukunft zu machen. Das, was ist, bewusst wahrnehmen bedeutet, wieder hinzuschauen. Die Schönheit und die vielen kleinen und großen Wunder des Lebens zu erkennen. Zu Staunen. Sich auch über die kleinen Dingen zu erfreuen.

Wenn du mit deinen Kindern bist, dann versuche immer wieder wirklich bei ihnen zu sein. Ganz im Moment. Lass dich in ihre Welt entführen… Es gibt so viele kleine Wunder zu entdecken. Kinder merken sofort, wenn dein Kopf gerade ganz woanders ist oder du ihnen nur mit halbem Ohr zuhörst. Und sie reagieren dementsprechend. Das kann sooo anstrengend sein!

Präsent sein ist auch einer der Schlüssel für eine erfüllte Partnerschaft, Freundschaft oder sonstige Beziehung zu einem anderen Menschen. Nimm dir Zeit, lege das Handy weg, schaue dem Menschen gegenüber in die Augen, hör zu und sei einfach nur da. Ohne nebenbei an den Einkauf, den Geburtstag oder die Arbeit zu denken. Auch das ist Satya.

Satya fordert uns dazu auf, aufrichtig zu sein

Sehr viele von uns haben im Laufe ihres Lebens gelernt, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu kontrollieren, unterzuordnen oder gar ganz zu unterdrücken. Wir haben gelernt, uns anzupassen und unsere Rolle in der Gesellschaft einzunehmen. Auf die Frage „Wie geht es dir?“ immer schön brav mit einem „Gut.“ zu antworten. Wir haben gelernt, unsere Antworten so zu geben, wie sie von uns erwartet werden. Der Welt und uns selbst gegenüber unaufrichtig zu sein, und es oft nicht einmal mehr zu merken. Dabei kostet uns genau dieses Verstellen und Verstecken und Unehrlich sein so unendlich viel Kraft und Energie und erzeugt Missverständnisse, Konflikte und Schuldgefühle.

Erlaube dir, aufrichtig zu sein. Ehrlich, vor allem auch dir selbst gegenüber. Finde kleine Ausflüchte im Alltag, die dich wieder mit dir verbinden… Das kann ein Lied sein, ein kleiner Spaziergang oder notfalls auch nur eine Runde „Augen zu und Atmen“. Erlaube dir, auch Dinge zu tun, die du wirklich tun magst statt deine Zeit mit Dingen zu vergeuden, die du nur tust weil du denkst, dass sie von dir erwartet werden. Habe keine Angst davor, andere vor den Kopf zu stoßen , indem du einfach nur du selber bist.

Authentisch bleiben gilt auch für den Umgang mit Kindern… Sie merken auch hier sofort, ob du mit vollem Herzen dabei bist oder nur versuchst, die „perfekte“ Mama oder Papa zu spielen, obwohl du gerade überhaupt keine Lust hast. Eine Mama liebt es, die Obststücke in Sternenform auszustechen und täglich neue gesunde Muffinvariationen zu erfinden, die andere schmiert einfach nur ein Brot. Ein Vater spielt leidenschaftlich gern Rollenspiele mit, der andere bastelt lieber.

Auch Kinder können lernen, ein „Ich habe keine Lust auf XY, lass uns lieber YZ spielen“ zu akzeptieren, wenn du offen und ehrlich kommunizierst und bereit bist, auch mal einen Kompromiss einzugehen.

Erkenne die Gefühle und Bedürfnisse deines Kindes UND deine eigenen, und versuche einen Weg zu finden, mit dem alle leben können. Das geht nicht immer, aber immer öfter.

Das was ist, ist nicht immer das, was wir daraus machen.

Wir sind wahre Meister im Bewerten der Dinge. Egal was passiert, es wird sofort beurteilt oder in gut oder schlecht, richtig oder falsch eingeteilt. Dabei ist eine Situation erst einmal nur eine Situation. Und es ist immer unsere Entscheidung, wie wir sie beurteilen.

Ob wir uns das Leben schwer machen, uns ausgeliefert fühlen wollen oder uns dazu entschließen, das Beste in jeder Situation zu sehen. Und das kann, wenn es ganz schlimm wird, das Erkennen einer Chance sein, daran zu wachsen und weiser zu werden. Oder den Mut zu finden, etwas zu verändern. Oder die Dinge anzunehmen, die nun mal im Moment einfach nicht zu ändern sind.

Das klappt übrigens manchmal sogar nachts um 4 Uhr, wenn dich eines der Kinder, von denen du dich in diesem Moment fragst, warum du sie wirklich unbedingt wolltest, schon wieder aus dem Schlaf gerissen hat.

Die große Frage lautet: Was ist wirklich und was nur meine Interpretation?

Satya ist eine Einladung, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Präsent zu sein und die Dinge zu sehen, wie sie sind, ohne sie gleich zu bewerten. Satya ist eine Einladung an uns authentisch und ehrlich zu sein, uns selbst und der Welt gegenüber

Lasst uns diese Einladung annehmen. Lasst uns von den Kindern lernen und mehr Leichtigkeit und Ehrlichkeit und Freude in unser Leben bringen.

Dann, verspricht Patanjali, wird Wahrhaftigkeit zu unserer Wirklichkeit werden und es können Wunder geschehen.

So gesehen ist übrigens auch ein emotionaler Ausbruch aufgrund eines Schokoriegels irgendwo Satya… Ganz authentisch in diesem Moment ist das, was ist in den Augen meiner 3 jährigen einfach nur ungerecht.

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